22. Dezember 2006 Ein Schiff wird kommen
 

Nach einer Woche haben wir es also doch noch geschafft, von Ushuaia Abschied zu nehmen. Leicht fällt uns dieser nicht.
Die Strecke ist wunderschön. Es geht durch enge Täler, vorbei an riesigen Bergen, wir passieren mehrere große Ski-Gebiete. Unser Tagesziel ist der Lago Fagnano, ein großer See mit leuchtend blauem Wasser und herrlichem Panorama-Blick auf die Berge von Süd-Feuerland. Der Lago Fagano ist über 60 Kilometer lang. Am nächsten Tag verbringen wir die Nacht auf einem Campingplatz an der Nordspitze des Sees (Bild 2).

Die Täler werden breiter, die Straßen gerader, der Wind stärker. Gerademal zwei Ortschaften liegen auf der Strecke (= eine/Tag). Tolhuin und Rio Grande muss man wirklich nicht gesehen haben. Rio Grande ist Feuerlands Wirtschaftszentrum. Die Stadt ist Basis für viele Industrie- und Ölunternehmen und scheint reich zu sein. Die Straßen sind viel zu breit, aller 3 Meter gibt es Gehwegbeleuchtung – wir fragen uns, für wen ... Der Campingplatz gehört einem Kanu-Klub. Die Betreiber sind sehr nett, wir können ihre eigene, unter Bootsregalen liegende, Küche mit benutzen. Der Blick aus dem Zelt fällt direkt auf ein altes Fabrikgelände, dass tagsüber sehr hässlich aussieht. Die Abendsonne taucht die Anlage in weiches Licht, was dann doch noch sehr interessant erscheint.

Von Feuerland sagen viele, hier gebe es nichts. Nichts als Weite und Wind. Uns gefällt diese karge, manchmal unwirtliche Gegend. Bis zum nächsten Baum sind es einige hundert Kilometer. Die Straßen sind oft schnurgerade. Taucht ein LKW am Horizont auf, vergehen oft bis zu 10 Minuten, bis er an uns vorbeifährt.
Feuerlands wahre Schönheit zeigt sich am Abend. Alles färbt sich golden, die tagsüber karg aussehenden Sträucher geben dem unendlich weitem Land eine Struktur – alles leuchtet und ist einfach faszinierend. Über uns bricht ein Regen herein, wir können uns gerade noch unter eine Plane verkriechen und müssen warten. Die dunklen Wolken weichen und am Horizont entsteht ein derart großer Regenbogen, dass unser Fotoobjektiv nicht die Spur einer Chance hat, dieses Schauspiel in seiner ganzen Größe abzulichten.

Der Wind hier unten ist unser ständiger Begleiter. Leider haben wir ihn oft von vorn – eine Herausforderung an Muskelkraft und Psyche. Mit voller Energie bringen wir es zuweilen auf satte 8 Stundenkilometer. Auch der Zeltaufbau ist ganz schön knifflig. Wir müssen ziemlich schnell sein, Kati fungiert als menschliche "Wegfliegsperre".
Am vierten Radeltag ist nach 30 Kilometern Schluss. Die Weidezäune sind an dieser Stelle so nah an die Straße gebaut, dass wir einfach keinen Platz zum Zelten finden. Wir fahren auf das Gelände einer Estancia, fragen und können bleiben. Der einzige Mensch, der hier dauerhaft wohnt ist Rigoberto, ein kleiner, kräftiger Gaucho.
Schlechtes Wetter zwingt uns, noch einen Tag hier zu bleiben. Uns geht das Trinkwasser aus und wir fragen bei Rigoberto. Freundlich bittet er uns in seine karge – aber mollig warme – Küche, bietet uns Kaffee und Brot an. Wir kommen ins Gespräch, erfahren vom Leben eines Gauchos. Rigoberto ist zuständig für 7000 Schafe und pflegt nebenbei noch das Gelände der Estancia. Zwei Häuser stehen darauf. Ein großes, luxuriös erscheinendes Gebäude mit einem wunderschönen Garten und Terrasse. Es gehört den Besitzern der Estancia, die im 100 km entfernten Punta Arenas wohnen und hier nur vier Wochen im Jahr verbringen.
Daneben steht das Gaucho-Haus. Es ist einfach, hat eine Küche, einen Schlafraum, ein Bad. Zur Zeit der Schafschur können 20 Scherer in zwei großen Räumen im Haus übernachten. Strom gibt es nur fürs Radio aus einer Autobatterie. Für eine Nacht dürfen wir im Scherer-Raum schlafen. Es duftet streng nach Schaf und in diesem Falle ist es von Vorteil, dass es kein Licht im Zimmer gibt. Die letzte Reinigung dürfte schon länger zurück liegen.
Die Begegnung mit Rigoberto beeindruckt uns sehr. Sein Leben erscheint uns sehr hart, einsam und entbehrungsreich. Er sei zufrieden, ihm fehle nichts – sagt Rigoberto. Und es klingt sehr überzeugend.

Von der Estancia ist es noch eine Tagesetappe bis nach Porvenir, zum westlichen Rand von Feuerland. Die Strecke ist grandios. Der Sandweg verläuft nah am Meeresufer. Im Hintergrund erkennt man langsam die mächtigen Berge Süd-Patagoniens. Oft halten wir an und können uns nicht satt sehen an dieser überwältigenden Natur. Das chilenische Porvenir ist ein nüchterner Ort. Es gibt unglaublich viele Hotels und Herbergen, wenig Touristen, trotzdem finden wir nur schwer eine Unterkunft – angeblich wäre alles voll. Wir können das wirklich nicht glauben, vermutlich lohnt es kaum, zwei Leute für eine Nacht aufzunehmen. Schließlich landen wir in einer schlichten Privatunterkunft, die aber ganz gut bezahlbar ist.

Nach Porvenir kommt man vor allem, weil von hier aus täglich ein Schiff über die Magallan-Straße nach Patagonien übersetzt.
Die instabile Wetterlage machen die Abfahrtszeiten allerdings zum Glücksspiel. Am nächsten Morgen müssen wir erfahren, dass es mittags kein Schiff geben wird. Der Sturm sei zu stark, die Fähre kann nicht aus Punta Arenas auslaufen – aber vielleicht gibt es ein Schiff am Abend.
Wir sind gestrandet. Der einzige Weg aus Porvenir führt für uns über das Wasser, was wiederum ein Schiff voraussetzt... Wir könnten am Nachmittag nochmal fragen, wie die Chancen stehen – optimistisch ist der Mann im Fährbüro nicht. Die Vorstellung noch einen Tag in Porvenir bleiben zu müssen, ist nicht wirklich motivierend. Wir haben alle Sehenswürdigkeiten besichtigt, waren im Heimatmuseum, haben den Einkauf erledigt, emails geschrieben und hoffen.
Ein Schiff wird kommen – die Nachricht darüber läßt uns wie kleine Kinder vor Freunde in die Luft springen.
Gegen 20.00 Uhr sind die Räder an Bord verstaut und das Schiff läuft aus. Die Fahrt aus dem Hafen wird von Delfinen begleitet, die freudig und offensichtlich extrem gut gelaunt ihre Kunststücke präsentieren.

Die Überfahrt selbst wird zur Tortur. Der Seegang ist wirklich beachtlich, meterhohe Welle prallen mit voller Wucht aufs Schiff und lassen es kräftig hin und her schaukeln. Ich werde zum ersten mal seekrank, schaffe es noch bis zur Reiling. Kati verhindert mittels extremer Konzentration und starr auf ihrem Stuhl sitzend schlimmeres.
Nach langen 3,5 Stunden erreichen wir im Abendlicht den Hafen von Punta Arenas. Ein letzter Blick zurück. Schön war es auf Feuerland.