| |
Stark ist der Wind heute. Dementsprechend langsam kommen wir vorwärts. Unsere nächsten Ziele sind Puerto Natales und der Nationalpark
„Torres del Paine“.
Wir haben die Wahl zwischen min. 4 Tagen Gegenwindfahrt oder dem Versuch ein „Taxi“ zu finden, was uns den langen Weg ein bisschen verkürzt.
Kati hält den Daumen raus und nur kurze Zeit später finden wir uns samt Rädern und Gepäck in einem weißem Jeep wieder,
der von zwei amerikanischen Touristinnen gesteuert wird. Und wir haben richtig Glück. Beide wollen ebenfalls in den Nationalpark, der noch einmal
150 Kilometer hinter Puerto Natales liegt.
Die Fahrt wird superwitzig, die beiden Bankerinnen aus New York und Washington sind sehr nett. Durch den Transfer sparen wir eine Woche Zeit, die
im Nationalpark sinnvoller angelegt ist als auf den unendlich langen Straßen Patagoniens.
Unsere Chaufeurinnen haben Quartier im Park und setzen uns an einer einsamen Kreuzung 25 Kilometer vor unserem anvisierten Tagesendpunkt ab.
Wir fahren gerade an einer Bauarbeiterunterkunft vorbei, als es anfängt zu stürmen und zu regnen. Vor uns stehen drei Container, von
denen einer wie ein Speiseraum aussieht, der offensichtlich schon länger nicht mehr benutzt wurde. Kein Mensch ist zu sehen und der Container offen...
Damit ist das Quartier des heutigen Abends gebucht. Im Nachbarcontainer gibt es einen Raum, der ziemlich bewohnt aussieht, mit einem Bett, Schrank etc.
Später kommt der Besitzer und wir sind froh, dass wir noch um Erlaubnis bitten dürfen, bevor wir uns zu Ruhe legen. Der Mann ist sehr freundlich
und signalisiert, dass es überhaupt kein Problem ist, hier zu nächtigen.
Die nächsten Tage werden unsere Reisekasse ganz schön strapazieren, die Preise sind extrem hoch. Allein der Park-Eintritt kostet für jeden
30 US-Dollar, für die man allerdings kaum eine Gegenleistung erhält. Die Campingplätze kosten nochmal extra (7 USD p.P) und sind zum Teil
sehr schlecht ausgestattet. Wir werden das Gefühl nicht los, dass Ausländer hier ganz schön abgezockt werden, aber man kann nichts dagegen
machen als draußen zu bleiben und damit würden wir definitiv etwas verpassen.
Die Attraktion sind die Torres [=Türme] del Paine, zwei mächtige Feldnadeln, die steil in den Himmel ragen. Der Nationalpark ist ein
wunderschönes Gebiet mit zwei Haupt-Wanderwegen, 5 und 10 Tage lang. Wir entscheiden uns für den kürzeren.
Die Gegend ist absolut faszinierend. Flache Strecken mit blauen Lagunen wechseln sich ab mit steilen Pfaden zu Aussichtspunkten auf das Bergmassiv.
Übernachten darf man nur auf ausgewiesenen Campingplätzen, die zum Teil kostenlos und ohne Service, d.h. Waschmöglichkeiten etc., sind.
Diese Zeltstellen liegen jedoch ziemlich weit auseinander, so dass es manchmal ganz schöner Anstrengung bedarf, sie zu erreichen. Auf einem Platz
treffen wir ein Paar aus der französischen Schweiz wieder, die wir aus Ushuaia kennen. Sie sind sehr lustige und interessante Leute, nennen sich
selbst moderne Nomaden. In der Schweiz haben sie alles verkauft, sind seit über zwei Jahren unterwegs. Ende offen.
Die Wasserversorgung im Nationalpark ist überhaupt kein Problem. Es ist nicht notwendig, viel Flüssigkeit mitzunehmen. Überall gibt
es Flüsse oder Wasserfälle, an denen man „auftanken“ kann – und die Qualität ist wirklich hervorragend.
Die letzte Nacht im Park ist außergewöhnlich stürmisch. Unser Zelt steht mangels Alternativen relativ ungeschützt im Wind -
an Schlaf ist kaum zu denken. Zur besten Aufstehzeit, 5.30 Uhr, löst sich ein Hering aus dem weichen Boden und von einer Sekunde auf die nächste
müssen wir ein Notprogramm zur Zeltsicherung fahren. Während Kati sich im Außendienst um den abtrünnigen Metallstift kümmert,
muss ich innen wirklich alle Kraft aufwenden, um schlimmeres zu verhindern. Die Aktion gelingt, wir sind danach hellwach und beschließen, los zu
wandern. Mit, wie wir später erfahren, über 120 km/h fegt der Wind Gras, Büsche und uns selbst über die Wiesen, wie zwei Betrunkene
stolpern wir durch die Landschaft und versuchen, einigermaßen in der Spur zu bleiben.
Die „Wind-Weckung“ beschert uns eine geniale Morgenwanderung. Samtweich beleuchtet die Sonne die Berge. Hinter uns erhebt sich eine großer
Regenbogen, dessen Farben auch noch 1,5 Stunden später den Himmel verschönern. Wir sind begeistert und die unruhige Nacht ist schnell vergessen,
zu schön ist der Weg. Immer der Sonne entgegen..
Per Anhalter (drei verschiedene Autos für eine Strecke von 20 Km) kommen wir zurück zu unseren Rädern und schaffen so noch den Mittagsbus
zurück nach Puerto Natales.
Die Stadt besteht mehr oder weniger aus Reiseagenturen, Hostels und Pensionen und ist sehr gemütlich. Wir bleiben auf dem einzigen Campingplatz
der Stadt, der mitten im Zentrum liegt. Die Leute sind sehr, sehr freundlich hier, was dazu führt, dass wir unseren Aufenthalt täglich
verlängern. Aus der geplanten einen Nacht sind inzwischen schon drei geworden. Wir finden hier alles was unser Herz begehrt: Heiße Duschen,
freien Internetzugang, einen warmen Aufenthaltsraum und Kochgelegenheit in der Küche des angeschlossenen Restaurantes. Es ist sehr lustig, wenn
Profikoch und Camping-Besucher gemeinsam nebeneinander in einer Küche agieren und versuchen, sich nicht gegenseitig über die Füße zu
fallen. Die Krönung der Infrastruktur ist der gut sortierte Supermarkt um die Ecke, der vor allem am ersten Tag nach der Wanderung eine echte
Herausforderung für unsere Selbstdisziplin war. Am liebsten hätten wir gesagt: „Bitte packen sie alles ein, was sie haben“ - die Vernunft war
dann doch stärker. Trotzdem decken wir uns mit Luxusartikeln wie Joghurt und Früchten ein. Die Speisekarte der nächsten Tage wird
wieder übersichtlicher werden: Müsli am Morgen, Pasta zum Abend, Müsli am Morgen, ... (S)
|