17. Januar 2007 Radwandern
 

Der neue Kapitän ist da.

Was für eine Nachricht. Wir haben nicht mehr ernsthaft daran geglaubt, die Botschaft ist für uns das Startsignal zur bisher speziellsten Etappe unserer Reise.
Von El Chalten geht die Route ca. 35 km nordwärts bis an den Lago del Desierto. In unserer Karte endet hier die Straße – doch tatsächlich wird es weiter gehen. Über den Lago führt das ominöse Boot, dessen neuer Kapitän heute seinen ersten Arbeitstag hat. Wir wollen morgen Vormittag übersetzen und verbringen die Nacht auf einem Campingplatz nahe des Ufers. Der Besitzer empfiehlt uns, persönlich zum Kapitän zu spazieren, um Plätze für die Überfahrt zu reservieren („weil es ja bestimmt viele Passagiere geben wird“).

Weder Boot noch Schiffsführer sind zu finden. Ein Mann sagt uns, das es nur 'un rato“ - einen Augenblick - dauern würde, bis beide am kleinen Anleger eintreffen werden. Neunzig Minuten später ist der 'Augenblick' vorbei. Ein paar Fahrgäste verlassen das Boot und wir machen uns auf zur Reservierung. „Nein, morgen früh fahren wir nicht. Das Boot ist kaputt, wir brauchen einen Mechaniker“. Aber wir brauchen das Boot, um rechtzeitig auf der anderen Seite des Berges das nächste Schiff zu erreichen. Ich schildere dem Bootsmann die Dringlichkeit der Lage. Selbiger konsultiert den Kapitän und nach dieser kurzen Absprache ist das Boot auf einmal wieder ganz und kann morgen mit uns auf große Fahrt gehen.

Zum Glück sind wir nicht allein. Zusammen mit zwei schweizer Radlern stechen wir am nächsten Vormittag in See. Die Räder gut verschnürt, schaukelt das kleine Boot auf den Wellen über den Lago del Desierto. Das Wasser ist klar, die umliegende Bergwelt beeindruckend. Auf der anderen Seite angekommen, werden zuerst die Grenzformalitäten erledigt, während der Bootsmann mit Stephans Fahrrad eine Runde um den Hubschrauberlandeplatz dreht. Freundlich werden wir in die umliegende Bergwelt entlassen.

Vor uns liegt eine ungewöhnliche Grenzüberquerung – 6 km steil bergan auf einem engen Wanderpfad. Der Weg führt über Stock und Stein, durch morastiges Gelände, Flussläufe, enge Brücken. Immer zu zweit stoßen und zerren, heben und ziehen wir ein vollbepacktes Rad, bis umgestürzte Bäume uns vollends zum Abpacken zwingen und wir in Viererkette die Taschen über die Stämme reichen. In den Pausen genießen wir die herrlichen Ausblicke, auch der Fitz Roy zeigt sich noch einmal von seiner schönsten Seite. Nach 7 Stunden sind wir am Ende unserer Kraft, aber auch des Wanderweges angekommen. Ganz oben auf dem Berg, wo kaum jemand entlang kommt, gibt es zwei neue Schilder, die auf die Grenze hinweisen. Wir reisen ab jetzt also in Chile weiter. Immerhin gibt es hier so etwas wie einen Fahrweg, auf dem wir entlangrollen können. Noch trennen uns 12 km von unserem Ziel, dem Lago o Higgins, wo wir zelten wollen. Doch die Fahrt stoppt abrupt an einem reißenden Fluss. Das ist also die kaputte Brücke, von der uns die anderen Radler berichtet hatten. Irgendwo nach links soll es noch eine zweite Möglichkeit der Flussüberquerung geben. Doch der querliegende Baumstamm erweist sich als gefährlicher Übertritt in eine Seenlandschaft. Was tun?
Die von der anderen Seite sind scheinbar durchspaziert, doch das war vor Tagen. Inzwischen hat die Sonne unheimlich viel Schmelzwasser mit sich gebracht. Stephan versucht es in Sandalen und Unterhose, mit den Wanderstöcken die Tiefe abtastend. Wir haben Angst um ihn, die Strömung ist zu stark und er kehrt um. Der Abend bricht herein und geknickt bauen wir unsere Zelte an einem verlassenen Haus unweit des Flusses auf. Wie wollen wir morgen das zweite Schiff erreichen? Das nächste kommt das erst 4 Tage später. Aber immerhin sind wir nicht allein.

Als es schon dunkel ist, hört Stephan einen Hund. Rettung naht. Der Hund gehört samt Pferden Ricardo, der in der Hütte nächtigt. Er beschreibt Stephan einen Kuhpfad, bei dem wir den Fluss nicht überqueren müssen. Die Nachtruhe ist gerettet. Und mehr als das. Am nächsten Morgen nimmt Ricardo all unser Gepäck auf seine Packpferde und reitet von dannen. Wir schlagen uns derweil querfeldein durch den Wald, tragen die Räder über Unmengen umgestürzter Baumstämme und hoffen, bald wieder auf den Fahrweg zu treffen. Bloß gut, das wir kein Gepäck dabei haben. Zurück auf festerem Boden geht es endlich bergab zum See. An der chilenischen Grenze treffen wir auf 5 Radler, die gerade mit der Fähre angekommen sind. Wir warnen sie vor dem Fluss und erklären ihnen die „Umleitung“. Wir hatten sie an Ort und Stelle mit Pfeilen aus Holz markiert.

Bis die Fähre von ihrem Ausflug zum Gletscher zurückkommt bleibt uns Zeit, die herrliche Umgebung mit dem blau-grünen See zu genießen. Blumen blühen, der Wind weht sanft. Große Vögel mit weiten Flügeln kreisen um die Felsen. Die Schiffsreise führt durch einsame Bergwelt. Im Boot gehe ich der Nase nach und lande in der Küche. Im Topf schwimmt ein Hühnchen - für die Mannschaft. Ich sage, dass es aber sehr gut riecht. Später dürfen wir ein Hühnchensandwich und einen Tee genießen – auf Einladung des Bootseigners.

Der Weg übers Gebirge war beschwerlich, die Alternative wäre jedoch endlose Pampa auf der Ruta 40 durch Argentinien gewesen. An den Wind gar nicht zu denken...

Unser Ziel – der Ort „Villa o Higgins“. Hier beginnt die Carretera Austral, auf der wir in den nächsten Wochen entlang radeln wollen.(K)