22. Januar 2007 Dr. Frank Steffen
  Nach der kräftezehrenden Passüberquerung der letzten zwei Tage bleiben wir erstmal in Villa O'Higgins. Der Ort ist 40 Jahre alt und markiert das aktuelle Ende der 'Carretera Austral'. Für seine beschauliche Größe hat er eine außergewöhnlich gute Infrastruktur. Die Bibliothek bietet kostenloses Satelliten-Internet, der Flugplatz hat eine nagelneue Landebahn und es gibt vier Supermercados. Diese Bezeichnung ist allerdings ziemlich irreführend. Supermercado heißt hier alles, wo die Leute Lebensmittel kaufen können. Die Größe ist vergleichbar mit einem kleinen deutschen Dorfkonsum.

Chile und Argentinien liefern sich hier im Süden so eine Art „ziviles Wettrüsten“ per Etablierung von Ortschaften. Die neu besiedelten Gebiete fungieren dabei als Bereichsmarkierung nach dem Motto „so, dass ist jetzt unmissverständlich mein Land“. Das ganze wird offensichtlich stark subventioniert, was wiederum die Infrastruktur erklärt.

Unser Zelt steht auf dem Gelände einer Pension. Ihr Inhaber ist Alfredo,der aussieht aus wie eine Mischung aus einem Seemann und der Comic-Figur Popej (...der mit dem Spinat...), und einen etwas hyperaktiven Eindruck macht.
Die Zimmer sind belegt von einem Psychologen-Ehepaar aus Santiago, zwei Motorradfahrern (ebenfalls aus der Hauptstadt), zwei älteren chilenischen Damen und einem sehr netten jungen Paar aus Brasilien. Warum das wichtig ist? Nun, diese Ansammlung von Touristen wird für die nächsten Tage eine unfreiwillige Wartegemeinschaft bilden. Genug Zeit sich so richtig kennen zu lernen... Ungefähr 100 Kilometer von Villa O'Higgins entfernt wird die 'Carretera Austral' von einem See unterbrochen. Für die Überquerung desselbigen gibt es eine kostenlose Fähre, welche wiederum von einer Bootsmannschaft mit u.a einem Maschinisten betreut wird. Und genau der ist das Problem. Dem Maschinisten war das Gehalt des chilenischen Staates zu wenig, worauf er beschloss, sich von einem Tag auf den nächsten von der Crew abzusetzen. Damit ist die Verbindung nach O'Higgins auf dem Landweg erstmal gekappt. Und das hat Folgen.

Das Leben hier unten ist rationierter als anderswo. Fleisch gibt es nur donnerstags um drei, Flugzeuge (mit 5 Sitzplätzen) starten 2 x wöchentlich, Benzin auftanken können die Menschen einmal pro Woche. Die gesamte Lebensmittelversorgung erfolgt auf dem Landweg. Über diesen finden auch die Touristen nach O'Higgins bzw. wieder heraus. Und schon sind wir wieder in unserer Pension. Von hier kommt nämlich aus aktuellem Anlass niemand mehr weg und keiner weiß, wie lange dieser Zustand anhält. Die wildesten Gerüchte kursieren: Am Samstag gibt es ein Schiff. Am Sonntag. Weder noch. Ein kleines würde kommen usw.
Es würde sich schon lohnen, Wetten abzuschließen ...

Die ersten Wartetage nehmen alle noch sportlich mit Humor. Am Tag drei gehen dem Motorradteam dann die Ideen zur Freizeitbeschäftigung aus. Aus einer Kaffeedose, Schnur und Holz bauen Sie eine Angel und kehren am Abend mit 8 Forellen zurück, die wir – köstlich gebraten – mit verzehren dürfen.
Und dann, die erlösende Nachricht: Das Schiff fährt wieder. Nicht etwa, dass es einen neuen Maschinisten gäbe. Nein. Es kommt tatsächlich eine Ersatzfähre aus dem 3-Tage entfernten Puerto Aysen, die für diese Strecke über den offenen Pazifik schippern musste. Die „Dr. Frank Steffen“ hat aber nur 4 Autoplätze und so ist am Sonntag morgen Hektik in der Pension angesagt. Jeder will der Erste sein, um einen der raren Plätze zu erhaschen und diesen Ort, den inzwischen alle recht gut kennen (ca. 800 Einwohner), zu verlassen.

Wir sind gut regeneriert und machen uns per Rad auf den Weg gen Norden, immer auf der „Carretera Austral“ entlang. Sie bietet fantastische Natur, mit kurzen Regenwaldabschnitten, großen Seen und hohen Pässen, die sich immer nah am Fels entlang schlängeln. Diese Straße ist ein Prestigeobjekt, der Bau wurde unter Pinochet 1974 begonnen. Mit vermutlich gigantischem Aufwand und Unsummen an Geld wurde sie in die Landschaft gesprengt, der Belag besteht aus groben Sand und Steinen. Die Randbefestigung ist an vielen Stellen mangelhaft und starker Erosion ausgesetzt. Wir fragen uns, wie lange dieser Fahrweg halten soll. Es ist nur eine frage der Zeit, bis einzelne Abschnitte abrutschen. Dann kommt der Bautrupp und entreißt, um die Straße zu verlegen, den Felsen einen weiteren Meter ihres Gesteins. Der absolute Irrsinn.

Nach zwei Tagen erreichen auch wir die „Dr. Frank Steffen“ - benannt nach einem deutschen Geologen. Etwa 30 Minuten dauert die Überfahrt, die reichen für mehrere Mate-Tee-Runden in der Kombüse der Fähre. Dann legt das Schiff am gegenüberliegenden Ufer neben der eigentlichen, viel größeren, Fähre an.
Deren Bootsmann verpasst dem Deck frustiert einen neuen Anstrich. Wie lange? Wann der neue Maschinist kommt? Tja, mal wieder sehr spannende Fragen... (S)