27. Januar 2007 Auf'm Holzweg
 

Ein seltenes Ereignis. Wir kommen an eine Kreuzung und damit an eine Stelle, wo wir zwischen zwei (!) verschiedenen Wegen wählen können.
Für zwei Tage verlassen wir die „Carretera“ und fahren nach 'Caleta Tortel'. Die Straße dorthin gibt es seit vier Jahren. Davor waren Boote die einzigen Transportmittel in den Ort.

Neben dem mächtigen „Rio Baker“, Chiles zweit-schnellstem Fluß, reiht sich eine Bodenwelle an die nächste. Zugegebenermaßen ein nur mittleres Fahrvergnügen. Nach über drei Stunden Fahrt erreichen wir den Ort und stellen unser Zelt zwischen Piste und 'Abfertigungsgebäude' (soweit man diesen hochtrabenen Begriff hier Anwendung finden lassen will) des örtlichen Flughafens auf. Im Grunde hätten wir uns direkt auf die Landbahn stellen können, mit der Einschränkung, dass wir unsere Herberge am Mittwoch mal für ein Stündchen zur Seite rücken müssten. Genau einmal in der Woche gibt es hier ein Flugzeug – also trotz Airport ein eher ruhigeres Plätzchen.

Der Weg nach Tortel endet für Autos in einer Sackgasse, bzw. auf einem Parkplatz vor dem Ort. Ab hier geht’s nur noch zu Fuß weiter. Ein insgesamt 7,5 Kilometer langes Holzstege-Netz verbindet Häuser, 'Zentrum' (auch hier gibt es wieder eine Bibliothek mit gratis Internet) und Bootsanlegestellen. Die Leute hier sind eher arm, verdienen ihr Geld mit Charterfahrten für Touristen, arbeiten für die Gemeinde oder reparieren - vergleichbar einer deutschen ABM-Maßnahme – das Stegenetz.

Spät am Abend, wir liegen schon im Zelt, befährt ein großer LKW von „Transportes del Rio“ das Flughafengelände. Gesteuert wird er von Mauricio, einem ehemaligem Polizisten aus Santiago. Mit an Bord ist sein Helfer René. Am nächsten Morgen können wir miterleben, was es hier nur 1-2 Mal im Monat zu beobachten gibt:
Mausicios LKW ist proppevoll mit Lebensmitteln für den örtlichen Supermarkt. Die Waren (=alles von der Tütensuppe bis zum Gefrierhuhn) müssen per Boot in den Ort gebracht werden. Es wird einen ganzen Tag dauern, bis die Ladung verschifft ist. Ein Team von Helfern buckelt die Kisten von der Ladefläche aufs Boot. Danach muss dieses eine dreiviertel Stunde um eine Bucht herum fahren. Ausladen. Zurück. Nächste Tour. Viermal geht das so – wirklich harte Arbeit.
Die Lebensmittel sind durch den aufwendigen Transport irre teuer. Für Großeinkäufe nehmen die Menschen hier lieber eine mehrstündige Busfahrt bis in den nächsten großen Ort in Kauf.

Durch Zufall entdecken wir einen Wanderweg, der um „Caleta Tortel“ herum führt. Die Ausblicke sind fantastisch. Ruhig liegt uns die Bucht mit dem Ort zu Füßen. Das Wasser funkelt in satten Farben. Ein friedlicher Ort mit beinahe Südsee-Atmosphäre.(S)