|
Auf die Frontscheibe von Mauricios LKW ist ein Bild von Jesus geklebt. Wir sitzen hinten auf dem Fahrerbett und lassen uns bis zu der Kreuzung mitnehmen, von der aus wir von der Carratera Austral nach Tortel abgebogen waren. Die Verabschiedung ist herzlich, Mauricio hätte uns gern noch weiter mitgenommen.
Unser Weg führt vorbei an vereinzelten Estancias und einem schönen Wasserfall. Eine Kuhherde versperrt uns den Weg. Am Abend finden wir eine schöne Schlafstätte mit Feuerstelle. Als das Feuer brennt, kommt der Gaucho angeritten und ermahnt uns zu „Cuidado“ - „Vorsicht“ mit dem Feuer. Der prall gefüllte Wassersack scheint ihn zu beruhigen.
Unser nächstes Ziel ist Cochrane, eine 3000 Einwohner große Stadt. Hier gibt es endlich etwas größere Läden, in denen frisches Obst verkauft wird. Nur der Campingplatz verbleibt bei uns in etwas eigenartiger Erinnerung – die Eigentümerin erinnert ihre Gäste ständig in unangenehmer Art und Weise, dass sie maximal 10 Minuten duschen dürfen – einmal am Tag. Immerhin liegt ihr Garten mitten im Zentrum.
Die Reise geht weiter in den Norden. Die Straße führt bergauf und bergab. Wo frisch geschottert wurde, fehlen die eingefahrenen Rinnen und wir müssen ab und an schieben. Später rollen wir herrlich an verschiedenen blau-grün leuchtenden Seen entlang, Blumen blühen und duften um die Wette. In der Ferne sind die schneebedeckten Berge zu sehen, die das Nördliche Patagonische Eisfeld einrahmen. Leuchtend blau begleitet uns der Rio Baker neben der Straße. Wir bleiben die nächste Nacht auf einer schönen Wiese direkt am Fluß und probieren unsere Angel aus. Die Haken hatte uns ein Tourist in Villa O Higgins geschenkt und Mauricio hatte das ganze mit Angelschnur komplettiert – um eine Kaffedose gewickelt. Stephan entwickelt sich zum Meister in der richtigen Wurf- und Einholtechnik. Die Fische springen in den Fluten um die Wette – aber scheinbar sind sie satt. Das Angelresultat ist ernüchternd. Am Abend gibt es Spaghetti.
Am nächsten Tag geht es weiter nach Puerto Bertrand. Am Weg dahin liegen noble Fishing – Lodges, man kann Holzhäuser mieten und Angelausflüge machen. Der Ort ist klein und geruhsam, hübsch ist der Hafen und wir treffen das erste Mal auf chilenische Tourenradler. Auch heute ist die Natur wieder umwerfend – vor uns liegt der zweitgrößte See Südamerikas – der Lago General Carrera. Mit dem blauen Wasser des Sees werben beide Länder, denn er ist zwischen Chile und Argentinien aufgeteilt – auf der argentinischen Seite heißt er Lago Buenos Aires – welch ein Irrsinn. Der Ausblick auf den See ist herrlich – überall gibt es Einbuchtungen, in der Ferne steile Ufer und flache Strände. Wir radeln am Ufer entlang und schauen uns langsam nach einer schönen Schlafstelle um.
Da passierts, ich stürze. Zum Glück habe ich meinen Helm auf. Aber mein linker Arm sieht nicht gut aus. Stephan hält ein Auto an und die Ersthelfer sind mit Kölnisch Wasser und Handtuch zur Stelle. Da Weiterfahren erstmal unmöglich ist, wollen wir es mit trampen versuchen. Aber es kommt niemand, der in unsere Richtung will. Stephan erspäht in der Ferne ein Haus und kommt im wackeligen Auto mit einem älteren Herrn zurück (erst später erfahren wir, das er keinen Führerschein hat..). Bei dessen Familie dürfen wir die Nacht verbringen.
Inzwischen ist klar, dass mein Arm ein Krankenhaus braucht – das nächste ist in Coyhaique und damit 230 Kilometer entfernt. Frischen Mutes stellen wir uns an den Straßenrand, werden aber von den einzigen drei Linienbussen des Tages abgewiesen. Dafür hält kurz darauf ein Pick-up mit einem chilenischen Paar, das uns mitnimmt. Die beiden haben es eilig, müssen den Flieger in Balmaceda (40km von unserem Ziel entfernt) erreichen, dementsprechend ist auch der Fahrstil. Nach einigen Kilometern Rüttelpiste denken wir, die Straße ist geteert, so herrlich glatt gleiten wir über sie hinweg. Doch der Belag ist festgefahrene Asche. Der unweit entfernt liegende Vulkan Hudson spuckte 1991 so viel Lawa und Asche aus, das große Teile der Natur und ganze Ortschaften unter dem Ascheregen versanken.
Am Flughafen angekommen, können wir direkt in das nächste Auto umsteigen. Graciela und Alvaro sind der Glücksfall für uns. Sie haben gerade ihre kleine Tochter zu Oma und Opa nach Santiago geschickt. Aus der Zeit zu zweit wird erst mal nichts, jetzt haben sie mit uns zwei deutsche Radler zu Besuch. Wir fühlen uns sehr wohl bei ihnen, das Haus ist gemütlich und wir haben die gleiche Wellenlänge.
Mein Arm ist gebrochen und muss operiert werden. Stephan hilft Krankenpfleger Juan beim Eingipsen und macht sich auch so als Helfer prima.
Zum Glück gibt es schnell einen OP-Termin und das am Rande der Stadt Coyhaique gelegene Krankenhaus macht einen guten Eindruck. Während ich dort zubringe, zieht Stephan in eine Hospedaje – eine Pension. Obwohl ich hier in Chile niemanden kenne, bekomme ich viel Besuch. Eveline und Bruno – die schweizer Radler, mit denen wir die „Bergtour“ zum Lago O'Higgins gemacht haben, kommen vorbei, Alvaro und natürlich Stephan sind ebenso um mein Wohl besorgt.
Inzwischen sind wir schon die dritte Woche in Coyhaique. Momentan hüten wir das Haus von Graciela und Alvaro, die ebenfalls nach Santiago gereist sind. Uns beeindruckt das große Vertrauen der beiden und wir genießen die Freiheit in unserem „Ferienhaus“. Mein Arm kommt langsam wieder in Schwung, aber von Dr. Gonzales gibt es trotzdem 8 Wochen Fahrverbot – damit ist unsere Tour durch Südamerika – zumindest auf dem Fahrrad – hier zu Ende :(((.
Einerseits sind wir froh, dass ich relativ glimpflich davon gekommen bin. Andererseits ist die Traurigkeit über dieses abrupte Ende unserer lang geplanten Radtour ganz schön groß.
Aber der Blick geht inzwischen wieder nach vorn. Es wird weiter gehen, eben nur ein bisschen anders, als wir ursprünglich gedacht haben. In fünf Tagen wollen wir uns mit dem Rucksack auf den Weg gen Norden machen (K).
|