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Wo sind wir denn jetzt wieder ausgestiegen? - fragen wir uns, als der Bus ins Terminal von San Juan einrollt.
Es ist Sonntagnachmittag und allerbeste Siesta-Zeit. Kein Wunder also, dass hier alles wie ausgestorben wirkt und einen SEHR ruhigen Eindruck macht.
Sonntagnachmittag in Argentinien ist auch die beste Zeit, um den Cafe-Effekt zu beobachten. Egal wohin man schaut, in den meisten Lokalitäten der Stadt sind dann alle Stühle in genaue eine Position ausgerichet: Zum Fernseher mit dem aktuellen Fußballspiel.
Auch wir finden uns an unserem Ankunftstag vor so einem Apparat wieder. Unser Gastgeber in San Juan ist HC-Miglied Gerardo, 25 Jahre alt und u.a. Fußballfan. Nachdem wir geklärt haben, welche Mannschaft unsere Unterstützung finden soll (...die Roten oder die Weißen?...) bannen wir unsern Blick abwechselnd zur Leinwand und ins Auditorium. An kleinen Tischen sitzen dort Herren verschiedenen Alters und geizen nicht mit heftigen Reaktionen von Freude oder Entsetzen.
Eins zu Eins zeigt die Punktetafel. Juan kündigt an, dass selbst bei einem Unentschieden Tränen in seinen enttäuschten Augen zu erwarten seien. Noch zwei Minuten zu spielen. TOOOOOOOOOOOOOR – eine halbe Ewigkeit lang schreien die Reporter ins Mikrofon, was auch alle Insassen des Cafes in wahre Euphorie versetzt. Der Sieg der Guten. Der Tag ist gerettet.
Gerardo stellt für uns ein ziemlich straffes Besuchsprogramm zusammen. Nach kurzer Erfrischungspause – so ein Fussballspiel kann ziemlich anstrengend sein – brechen wir in die Umgebung zu einem Staudamm von San Juan auf. Nur 15 Kilometer vom Zentrum entfernt erhebt sich ein Gebirgszug, dessen Berge wie riesige, tonfarbene Sandhaufen aussehen. Im Licht der Abendsonne erscheint uns diese Landschaft unwirklich und wüstenhaft faszinierend.
Ob wir Pizzas oder Empandas möchten, fragt Theresa und verschwindet im Verkaufsraum ihres kleinen Kiosks – dem ehemaligen Wohnzimmer des Hauses. Sie ist Girardos Tante und für die nächsten Tage unsere Quartiergeberin - im Haus seiner Familie gibt es nicht genug Platz und so werden wir für die Nacht bei der Verwandschaft untergebracht.
Der Besuch aus Deutschland spricht sich im Viertel schnell herum. In immer kürzeren Abständen werden wir in den Kiosk gebeten, um Amigos und Klienten aus der Nachbarschaft zu begrüßen.
Am nächsten Morgen steht ein weiterer Ausflug mit Girardo auf dem Programm. Zuerst geht’s zu „Einstein“, einem kleinen, in Fels gehauenem Naturkundemuseum. In verstaubten Vitrinen lagern geologische Funde und ausgestopfte Tiere, der aus Schaumplastirol lebensgroß präparierte Saurier steht kurz vor der Selbstauflösung und macht so einen ziemlich bedauernswerten Eindruck. Bewacht wird das Ganze von einem weißhaarigem Herrn im Rentenalter, dessen äußere Erscheinung gewisse Parallelen zum Namensgeber des Museums aufweist. Dieser etwas skurrile Ort der Wissenspräsentation ist seine Passion und Einstein der Zweite lässt uns nicht eher gehen, bis wir noch den Abdruck einer frühzeitlichen Riesenameise bestaunt haben.
Eine Etage über der Frühzeit führen steinerne Stufen auf die Berge von Zonda. Um die Jahrhundertwende habe Einheimische auf mehreren Etagen Wege und Tunnel angelegt, auf denen man hoch über dem Tal entlang wandeln kann. Wir tun das zu viert, Theresas Sohn Diego komplettiert das Team.
Zurück in San Juan bekommen wir von seiner Mutter eine ganz individuelle Stadtführung. Voller Stolz präsentiert sie ihr Wohnviertel. Die Tour endet im Supermarkt. Weder Therasa noch wir müssen etwas besorgen - wir sollen einfach sehen, was es alles zu kaufen gibt.
In der heimischen Küche ist zur Mittagszeit Kochunterricht angesagt. Gemeinschaftlich produzieren wir unter Theresas Anleitung gefüllte „Zapallitos“. Die Chefköchin ist mit ihren eifrigen Schülern zufrieden, die Kochaktion selbst ist für alle Beteiligten eine ziemlich lustige Angelegenheit.
Ab und zu klingelt's an der Tür, Kundschaft für den Kiosk wartet draußen. Das Sortiment desselbigen ist recht überschaubar: Gekühlte Getränke, Empanadas, Küchentücher aus Papier, Tabletten für alle Arten von Krankheiten – einzeln erwerbbar. Uns ist ein Rätsel, wie man damit überleben kann.
Am Abend haben sich noch einmal Freundinnen zur eingehenden Betrachtung des deutschen Besuches eingefunden. Zwei rührende ältere Damen lassen sich von uns die Reiseroute erklären, strahlen permanent über beide Ohren und geben – vereint im Chor – abwechselnd ein „que lindo“ (wie schön) oder „que bonito“ (wie hübsch) zum besten.(S)
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