01. April 2007 Rauchzeichen
 

Mehr als 2500 Meter über dem Meeresspiegel. Dichter Nebel. Höchstkonzentration bei jedem Schritt.

Es ist nicht das schlechte Wetter, was den Nebel produziert. Auch wandern wir über keinen engen Pfad.
Wir sind in Tumbaya, einem kleinen Ort mit wenigen Einwohnern, engen Straßen und einer strahlend gelben Kirche. Die meiste Zeit des Jahres dürfte es hier sehr ruhig und beschaulich zugehen. Heute ist das anders.

„Virgen Punta Corral“, die Schutzheilige des Tales verlässt für zwei Tage ihren angestammten Platz in der Kirche und wird in einer gigantischen Prozession auf einen 25 Kilometer entfernten Berg getragen. Drumherum gibt es eines der größten Spektakel im Norden Argentiniens.

Es herrscht Volksfestatmosphäre. Im Abstand von wenigen Metern reiht sich ein Grillstand an den nächsten. Der aufsteigende Rauch nimmt uns fast die Sicht, überall duftet es nach frischem Braten. Wahre Menschenmassen sind unterwegs. Es scheint, als habe sich hier die gesamte Provinz Jujuy eingefunden, um zum einem der Heiligen zu huldigen, und zum anderen einfach einen schönen Tag zu verbringen.

Wie genau diese beiden Aspekte gewichtet sind, lässt sich allerdings schwer ausmachen. Während vor der Kirche Gläubige die Messe feiern, geht es ein paar Straßen weiter recht kommerziell zu.
Unzählige Händler bieten ihre Waren feil. Von geschmackvollem Kunsthandwerk bis zum religiösen Plastikkitsch ist alles zu haben. Für ein paar Pesos kann man mit kleinen Holzringen versuchen, geldscheinbestückte Plastikflaschen zu treffen. Der fast zahnlose Betreiber des Standes gerät bei jedem misslungenem Wurf beinahe in Extase. Die Glücksaspiranten nehmens sportlich, sie sind heute in Feierlaune.

Insgesamt zwei Tage dauert die Prozession. Am Samstag brechen die Pilger auf. Über 4000 Meter hoch liegt der Endpunkt ihres Weges. Ausgestattet mit Zelten und dicken Decken verbringen sie dort die Nacht und kehren am nächsten Tag ins Dorf zurück. Ein Ordner spricht von 30.000 Menschen und diese Schätzung ist sicher nicht übertrieben. Es scheint, als spucke der heute im Nebel liegende Berg einen nicht enden wollenden Strom von Pilgern aus: Alte Menschen in traditioneller Kleidung, Jugendliche mit Handys in der Hand, ganze Familien mit kleinen Kindern. Stundenlang geht das so.

17.00 Uhr.
Am Wegesrand versammeln sich tausende Schaulustige und bilden so ein Spalier für die zurückkehrenden Wallfahrer. In der Ferne ist Musik auszumachen. Sie kommt näher, wird lauter. Das Ende der Prozession naht. Begleitet wird sie von fast 40 „Bandas“ - Musikgruppen, die am ehesten mit deutschen Spielmannszügen zu vergleichen sind. Ihr Instrumentarium ist übersichtlich: riesige Pauken, Trommeln und Panflöten, die mit ihren Trägern ebenfalls den 50 Kilometer langen Weg hinter sich haben.

Wir können nicht zweifelsfrei feststellen, ob es innerhalb einer Gruppe ein musikalisches Konzept gibt. Es scheint, als stecke jeder einzelne Musiker seine ganze Energie in die Bedienung seines Instrumentes. Vorn zerschneiden Männer mit Stöcken die Luft, offensichtlich mit der Intention, dem Gefolge ein Taktmaß zu offerieren. Ihr Angebot wird kaum angenommen. Das Ergebnis von soviel Spielfreude ist wahnsinnig laut, nicht wirklich schön anzuhören, aber beeindruckend. (S)