08. April 2007
Ostern
Bolivien für Anfänger
 

Bolivien. Wieder eine völlig andere Welt, die uns im ersten Moment überfordert.

Schon der Kauf des Bustickets ist eine echte Herausforderung. Eine ganze Horde von Verkäufern steuert auf uns zu. Sie verbreiteten unglaubliche Hektik und jeder versucht, uns als Kundschaft zu gewinnen. Anders als in Argentinien setzt man hier auf die am-besten-noch-vor-dem-Terminal-Auge-in-Auge-Direktvermarktung und versucht, die Konkurrenz geschickt auszustechen. Natürlich hat jeder den besten Bus und ist am schnellsten am Ziel ...

Dort angekommen, geht es gleich weiter. Diesmal sind es Taxifahrer, die ihre zum Teil schrottreifen Fahrzeuge mit solventen Fahrgästen bestücken wollen. Wir entscheiden uns für das günstigste Angebot. Die Türen knallen ins Schloss. „Nur das wir uns richtig verstehen“, so der Chauffeur, „der Preis gilt pro Person“. Alles klar, so langsam fangen wir an zu verstehen, wie die Geschäfte hier funktionieren...

Sucre ist die konstitutionelle Hauptstadt Boliviens und seit 1992 UNESCO-Weltkulturerbe. Das historische Stadtzentrum besteht aus prächtigen Kolonialbauten und vielen, sehr großen Kirchen. Hinter jeder Ecke verbirgt sich ein neuer architektonischer Schatz, der den Glanz vergangener Zeiten erahnen lässt.

Seltsame Gerüche kommen uns entgegen, als wir am Ostersonntag gegen 5.00 Uhr in der Früh am Franziskaner-Konvent von Sucre ankommen. Tausende Indigenos haben sich von ihren Häusern in der ländlichen Umgebung auf den Weg in die Stadt gemacht, um hier die Ostermesse zu feiern. Sie sitzen auf dem kalten Boden, vor sich Zweige, Eier und eine Flasche Wein aufgetischt. Süsser Duft von Coca-Blättern liegt in der Luft, fast jeder kaut hier darauf herum.
Die Randzonen des Platzes meiden wir lieber, unverblümt dient hier jede Ecke als Freiluft-Toilette, ein paar Meter weiter brutzelt Frischgebratenes über offenem Feuer.

Auf Ziegelsteinen kaufen die Leute heiße Glut, mit der sich jede Familie zum Ende der Messe ihren privaten Weihrauch produziert. Direkt nach dem Schlusssegen herrscht auf einmal völlig gelöste Atmosphäre. Sehr entbehrungsreich muss die Fastenzeit gewesen sein. Es wird gegessen und getrunken, was das Zeug hält. Zum Frühstück gibt’s gebratenes Fleisch, Kartoffeln, Nudeln, Wein und Höherprozentiges. Was übrig bleibt, wird später per Luftweg auf die umliegenden Dächer entsorgt. Wir müssen ganz schön aufpassen, um nicht in die Flugbahn zu geraten.

Am Nachmittag steht noch eine Ostermesse ganz anderer Art auf dem Programm. Einmal jährlich findet vor den Toren der Stadt ein großer Viehmarkt statt. Hier decken sich die Leute mit dem ein, was sie so brauchen: Kühe, Schafe, Ziegen. Der Wettbewerb ist hart, alles wird eingehend begutachtet bis das Geld für die Ware seinen Besitzer wechselt.

Nebenan wandeln wir über die Amüsiermeile. Unendlich viele Menschen drängeln sich durch die enge Gasse. Es gibt Frischgebratenens, aus großen Säcken heraus werden Erdnüsse verkauft. Zuckerrohr zum „gleich essen“ ist der absolute Verkaufsschlager des Tages.

Mit den neu erworbenen Tieren und oftmals nicht unwesentlichem Alkoholspiegel machen sich die Leute auf den Heimweg. Ein ereignisreicher Ostersonntag neigt sich dem Ende. (S)