16. November 2006 Die Welt zu Gast in Tigre oder was einen Guide auszeichnet
 

Auf unserem Stundenplan steht heute: Exkursion.

„Erholung in der Gruppe“ ist angesagt mit Treffpunkt im großen und sehr edlen „Palacio Barolo“, in dem sich auch unsere Sprachschule befindet. Nach und nach trudeln die Leute unterschiedlichster Nationalitäten in der Empfangshalle ein. Man mutmaßt, wer alles dazugehört – am Ende sind wir zu acht – aus Amerika, Kanada, Schweden, Italien, Irland. Geführt werden wir von Christian aus Venezuela.
Der Ausflug nach Tigre kann beginnen. Die Stadt ist vor allem am Wochenende ein beliebtes Ausflugsziel der Porteños und liegt ca. 30 km entfernt von Buenos Aires. Die Fahrt dahin gestaltet sich sehr amüsant. Wir steigen in einen Zug ein, der ganz gut in Schuss ist und rattern etwa eine Stunde über die alten verzogenen Schienen. Damit uns nicht langweilig wird, kommen immer wieder Verkäufer durch die Wagen, die uns nützliche Dinge anbieten – manuelle Taschenlampen, Socken im 5er-Pack, Scheren und immer wieder Süßigkeiten oder selbst gebackene Brötchen.

Tigre ist Ausgangsort für Fahrten ins sich weit verzweigende Flussdelta des Rio de la Plata – nach der pulsierenden Stadt eine willkommene Abwechslung. Wir besteigen eine „Lancha“ - ein Wassertaxi, das uns durchs Flussdelta kurvt. Das Wasser ist bräunlich, stammt aus dem Landesinneren und ist sehr eisenhaltig. Am Ufer stehen Häuser auf Pfählen, wer es sich leisten kann, hat hier sein Wochenenddomizil. Manche Menschen leben dauerhaft im Delta. Wenn sie in die Stadt wollen, winken sie der vorbei fahrenden Lancha von weitem zu und werden mit samt ihrem Gepäck vom hauseigenen Bootssteg aus mitgenommen. Oft hält das Boot sehr kurz und ich staune, dass es scheinbar alle ins Trockene schaffen. Während wir so durch die Gegend geschaukelt werden, streifen wir auch sehr luxuriöse Anwesen und mehrere Campingplätze, die recht anheimelnd anmuten.

Unser Ziel ist eine kleine Insel, auf der wir mit einem leckeren Essen - natürlich Gegrilltem – erwartet werden. Am Wochenende kommen viele Leute zur Erholung her, zelten, paddeln und genießen die Ruhe. Bei uns fliegt der Volleyball durch die Luft und löst Begeisterungs- oder Buh-Rufe aus. Später fährt das Wassertaxi einfach an uns vorbei – es ist schon voll. Macht nichts, das nächste kommt bestimmt, man muss nur die Hand raus halten.
In Tigre spazieren wir noch zum Früchtemarkt. Unser „Guide“ muss nach dem Weg fragen. Als Highlight angekündigt, stehen wir enttäuscht vor vielen kleinen Buden, deren Besitzer scheinbar nur auf Touristen warten. Weit und breit keine Früchte und kein bäuerliches Leben. Dafür Taschen, Schmuck, Süßigkeiten...
Nun ja, schöner ist das Schlendern durch den Hafen. Da ist ein Kameramann. Vor ihm turnt ein Herr herum, der Werbesprüche von sich gibt und aufpassen muss, dass er nicht ins Wasser fällt. Die Boote schaukeln friedlich vor sich hin. Die Abendsonne wirft warmes Licht.

Unser Zug fährt zurück nach Buenos Aires. Der einzige, der unsere Ankunft verschläft ist unser „Guide“.(K)