26. November 2006 Parilla Completa
 

U-Bahnen kreisen unterirdisch durch die 13-Millionen-Metropole Buenos Aires.
Oben gibt es breite Straßen, auf denen sich vor allem zur Hauptverkehrszeit Wagenlawinen fortbewegen. 4 Millionen Menschen wohnen allein im Zentrum. Die Stadt pulsiert, Menschen hasten durch die Straßen oder stehen wohlgeordnet in langer Reihe an einer der unzähligen Bushaltestellen. Die Luft schreit nach Sauerstoff. Kaum zu glauben, dass die Stadt erst seit etwa 100 Jahren zu solcher Größe aufgeblüht ist. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte sie eine Million Einwohner.

Argentiniens Hauptstadt gibt sich europäisch. Wenn man in die Gesichter der Menschen schaut, erkennt man selten, dass man sich auf einem fernen Kontinent befindet. Was mir gefällt, ist der alte Stil, der vor allem in Restaurants und Cafés zu bewundern ist: da gibt es noch die Kellner mit Fliege und einem Tuch über dem Arm. Durch den relativ schwachen Peso können wir uns leisten, gemütlich unter einem Kronleuchter Kaffee zu trinken.

Aber an vielen alten Gebäuden bröckelt der Putz. So auch am berühmten Theater Colon, das wegen Restaurierung für Vorstellungen geschlossen ist. Glücklicherweise finden die Führungen trotzdem statt. Der Saal mit seinen roten Samtsesseln und den altehrwürdigen Rängen verschlägt uns die Sprache. Wir fühlen uns, wie in einem alten Film.

Stephans Haare sind gewachsen und so steht der erste Besuch einer „Peluquería“ an. Der Friseur verbreitet gute Laune. Lacht auch noch, als uns nach dem ersten Ansatz der Rasiermaschine das Lachen im Hals stecken bleibt. Das Ergebnis kann sich dann doch sehen lassen - für die nächsten Wochen ist jedenfalls vorgesorgt.

Am Wochenende, wenn wir „schulfrei“ haben und die Hausaufgaben erledigt sind, bummeln wir durch die einzelnen Barrios der Stadt oder fahren mit dem Fahrrad. Die Kontraste zwischen Arm und reich sind groß. Da gibt es den noblen Hafen „Puerto Madryn“, der mit luxuriösen Restaurants lockt. Auf den Straßen schieben die Cartoneros ihre riesigen Wagen, voll gepackt mit Pappe und Karton, um den Abfall am Ende gegen einen Hungerlohn einzutauschen. Die Schuhputzer sind froh über Kundschaft. An einer Ecke sitzt eine Krankenschwester unter einem Roten Kreuz, in der Hand ein Blutdruckgerät. Ein alter Mann setzt sich zu ihr. Ich frage mich, was passiert, wenn sie etwas Verdächtiges misst – weit und breit ist keine Krankenstation zu sehen.

Uns knurrt der Magen und wir begeben uns gespannt in eine Parilla – ein Grillrestaurant. Voller Heißl;hunger bestellen wir einmal „Parilla Completa“ - meine Vorstellung: completa = mit Kartoffeln und Salat. Nun – wir werden eines besseren belehrt. Completa bedeutet hier mit allen Innereien – säuberlich auf einer heißl;en Platte serviert. Mutig verkosten wir alles- aber essen wenig. Das bestellen wir nicht noch einmal. Parilla ist hier das Essen Nummer eins. Das Fleisch wird stundenlang auf offenem Feuer gegrillt und am Ende nur mit Salz gewürzt.
Und das kann wirklich sehr lecker sein, wie wir inzwischen erfahren konnten.(K)