06. Dezember 2006 Ende oder Anfang?
 

Die Zeit vergeht auf einmal noch schneller, als es uns lieb ist. Gestern noch in der Mitte Argentiniens, in Cordoba, müssen wir heute schon an die nächste Station denken: Es ist großer Organisationstag für die Abreise aus Buenos Aires. Wir entledigen uns aller Sachen, die man nicht zwingend für eine Radtour braucht. Unterrichtsmaterialien, 'normale' Schuhe und Ausgehgarderobe sollen zurück nach Deutschland geschickt werden. Wir müssen zur 'Correo International'.
Hier darf der Postbeamte noch richtig stempeln. Es sind bestimmt 10 Formulare, die durch dessen mächtige Hand den amtlichen Siegelabdruck erhalten. Wir sind ernsthaft beeindruckt.

Für den Weg zum Flughafen ist diesmal Muskelkraft gefragt. Voll bepackt steuern wir unsere Gefährte durch den morgendlichen Berufsverkehr von Buenos Aires. Zweifelsfrei eine Herausforderung, aber nicht unmöglich.
Gute Ware will frisch gehalten werden und so kommen die Räder diesmal in je 4 Rollen Frischhaltefolie. Der Testlauf in der Wohnung war viel versprechend, wie hoch der Grad der Praxistauglichkeit ist, wird sich heute zeigen. Nach 1,75 Stunden schrauben, drehen, verpacken - können (und müssen...) wir einchecken. Sperrgepäckschalter gibt es hier keine und so gilt für unsere Fahrräder eben das gleiche wie fürs Gepäck: Ab durch die Luke.

Es gibt zuweilen Dinge, die versteht man einfach nicht. Und dass ist gut so.
Als uns der Bus vom Gate zum Flugzeug bringt, sehen wir die Wagen mit dem Reisegepäck der Passagiere. Wir können ein Großteil der eigenen Sachen ausmachen. Doch wo sind die Räder? Kurze Schrecksekunde, sie werden schon da sein, Nein! Kati entdeckt sie ganz unten.
Ich vertreibe mir die erste Flugstunde ein bisschen mit Wahrscheinlichkeitsrechnung. Also: LAN Chile hat Freigepäckgrenzen von 20 Kilogramm pro Person. Auf dem Transportwagen liegen sechs Schichten von Koffern und Taschen übereinander. Unsere Räder liegen unter dem Gepäck. - Ende bevor alles begonnen hat? Irgendwann akzeptieren wir, können ja eh nichts ändern. Es heißt, man soll das Beste daraus machen...

Anflug auf Ushuaia, die südlichste Stadt des Globus'. Alpine Berglandschaften, schneebedeckte Gipfel, leuchtend blaues Wasser. Ein erster Moment der Überwältigung.
Anfang oder Ende der Welt? Für uns ist es der Anfang. Und zwar ein guter. Es kommen keine zwei Häuflein Schrott durch die Gepäckluke gefahren. Nahezu unbeschädigt empfangen wir unsere 'Frischhaltefolien nebst Inhalt'. Wir verstehen nicht. Freude. Erleichterung. Die Reise kann beginnen.

Ushuaia liegt direkt am Beagle-Kanal und hat ungefähr 50.000 Einwohner. Die Atmosphäre ist besonders; die Stadt empfängt uns mit sanftem Abendlicht. Kleine Häuser, zum Teil ungeteerte Straßen, rundherum Natur pur. Unser Zelt steht auf dem 'Andino'-Campingplatz. Er liegt oberhalb von Ushuaia ca. 2,5 Kilometer vom Zentrum entfernt und bietet einen fantastischen Panoramablick über Stadt und Beagle-Kanal.
Es wird hier sehr spät dunkel (ca. 23.00 Uhr) und so machen wir uns nochmal auf den Weg. Zum 'Antrittsbesuch' an den Anfang der Welt.(S)